Gemeinsam unterwegs: Warum ein Spaziergang viel mehr ist als Bewegung
Ein Spaziergang mit Hund gehört für viele Menschen ganz selbstverständlich zum Alltag. Wir gehen eine Runde, der Hund läuft, schnüffelt und erledigt sein Geschäft – und danach geht es wieder nach Hause. Die Menschen beschäftigt die Fragen: Wie lange sollte ich mit meinem Hund spazieren gehen? Wie viele Kilometer braucht er? Wie laste ich ihn am besten aus?
Ein guter Hundespaziergang lässt sich aber nicht allein auf Dauer, Strecke oder körperlicher Auslastung reduzieren. Für unsere Hunde ist ein Spaziergang viel mehr: Er bietet die Möglichkeit, die Umwelt zu erkunden, Informationen aufzunehmen, die Nase einzusetzen, Bedürfnisse auszuleben und vor allem: mit seinem Lieblingsmenschen gemeinsam etwas zu erleben.
Stellen Sie sich vor, Sie verabreden sich mit einem Freund zu einem gemeinsamen Spaziergang. Sie marschieren los, aber Ihr Freund geht einfach nur neben Ihnen her, spricht nicht mit Ihnen, schaut in die Gegend, telefoniert ab und zu, spricht vielleicht mit vorbei kommenden anderen Menschen, checkt seine Nachrichten am Handy oder hat vielleicht sogar Kopfhörer auf. Wie würden Sie sich fühlen?
Der Hund ist der beste Freund des Menschen, aber sind wir auch der beste Freund unseres Hundes?

Die Welt mit der Nase entdecken
Für uns sieht ein Weg vielleicht jeden Tag gleich aus. Für unseren Hund ist es ganz und gar nicht so.
Gerüche erzählen ihm, wer hier unterwegs war, was passiert ist und was sich verändert hat. Ein anderer Hund, ein Mensch, ein Wildtier oder ein neuer Geruch am Wegesrand – für die Hundenase ist die Umgebung voller Informationen.
Deshalb ist Schnüffeln keine lästige Unterbrechung des Spaziergangs. Es ist ein wichtiger Teil davon.
Wenn wir unseren Hund ständig mit einem „Weiter!“ zum nächsten Wegpunkt dirigieren, nehmen wir ihm nicht nur einen Teil dieser Möglichkeit zur Erkundung sondern wir zeigen ihm auch, dass uns seine Welt nicht interessiert.
Ein Spaziergang ist kein Leistungstest
Höher, schneller, weiter – diese Denkweise hat auch beim Hund Einzug gehalten. Der Hund soll ausgelastet werden. Möglichst lange laufen, möglichst viel erleben, möglichst müde nach Hause kommen. Aber Müdigkeit ist kein Zeichen für einen gelungenen Spaziergang.
Ein Hund kann nach einer aufregenden Runde völlig erschöpft sein und trotzdem überfordert worden sein. Viele neue Reize, Begegnungen, Verkehr, Lärm oder ständig wechselnde Umgebungen können anstrengend sein – auch wenn dabei körperlich gar nicht so viel gelaufen wurde.
Umgekehrt kann eine ruhige Runde auf einem vertrauten Weg sehr wertvoll sein. Fragen Sie daher nicht: „Wie viel ist mein Hund gelaufen?“ sondern: „Wie hat sich mein Hund unterwegs gefühlt?“
Tempo rausnehmen und beobachten
Versuchen Sie doch einmal, nicht die Strecke im Kopf zu haben, sondern Ihren Hund zu beobachten. In welche Richtung möchte er gehen? Wo bleibt er stehen und warum? Was interessiert ihn? Wann wird er schneller, wann langsamer? Welche Geräusche machen ihn aufmerksam? Gibt es Situationen, in denen er Abstand möchte? Wann fühlt er sich sichtbar wohl?
Unser Hund kommuniziert ständig mit uns – auch beim Spaziergang. Seine Körpersprache erzählt

uns viel darüber, ob er gerade neugierig,entspannt, angespannt, unsicher oder überfordert ist. Wer aufmerksam hinschaut, lernt seinen Hund mit der Zeit immer besser kennen. Und genau darin liegt der wichtige Aspekt des Spaziergangs: Es geht um Beziehung.
Gemeinsam nicht nur nebeneinander
Ein Spaziergang bedeutet nicht, dass Mensch und Hund einfach gleichzeitig am selben Ort unterwegs sind. Gemeinsam spazierengehen heißt tatsächlich: Miteinander unterwegs sein. Und das geht nur über Kommunikation.
Das bedeutet nicht, dass unser Hund ständig Blickkontakt halten, perfekt an der Leine laufen oder jeden Schritt nach unseren Vorstellungen machen muss. Beziehung entsteht nicht dadurch, dass der Hund permanent funktioniert. Beziehung entsteht durch Kommunikation.
Einmal geben wir die Richtung vor. Einmal darf unser Hund entscheiden, welchen Weg er interessant findet. Einmal warten wir. Einmal gehen wir weiter. Wir beobachten unseren Hund und schaffen bewusst Abstand zu einem anderen Hund oder Reiz, wenn er es braucht.
Es geht nicht darum, dem Hund jederzeit alles zu erlauben. Es geht darum, seine Bedürfnisse wahrzunehmen und in unsere Entscheidungen einzubeziehen.
Daher wann immer es geht: Beobachten Sie Ihren Hund. Bleiben Sie gemeinsam mit ihm stehen, lassen Sie ihn die Eindrücke aufnehmen und verarbeiten und zeigen Sie Interesse an dem, was er entdeckt.
Wenn es offensichtlich etwas ganz besonders Spannendes zu erkunden gibt, frage ich meinen Hund immer, z. B.: „Na, wer war denn da? Eine Maus? Ein Eichhörnchen? Was riechst du denn Tolles?“ Manchmal ermutige ich ihn – wohlgemerkt an der Leine -, die Spur aufzunehmen oder, wenn er begonnen hat zu graben und sofern es passt – weiterzugraben. (Wenn er sich abwendet, schütte ich das Loch natürlich wieder zu.) Jedenfalls bekommt er immer ein Lob von mir. „Das hast du wirklich ganz toll gemacht!“ Oder aber wir suchen geeignete Plätze wie z. B. Felsbrocken oder Baumstümpfe zum Raufspringen. Manchmal gibt es ein Leckerchen-Suchspiel oder einen Leckerchen-Baum.
Auf diese Weise erleben wir abwechslungsreiche Dinge gemeinsam, ich bin mit meinem Hund in Kommunikation, wodurch er ansprechbar bleibt und es ist ein Leichtes, wenn man zum gegebenen Zeitpunkt, die Tätigkeit wiederum mit Lob, Stolz und je nachdem ev. auch mit einem Goodie beendet.

Wie ein guter Spaziergang aussieht, hängt natürlich auch von anderen Faktoren ab: vom Alter des Hundes, seiner körperlichen Verfassung, seinem Charakter, seinen Erfahrungen, seinem Erregungslevel und natürlich auch von der Umgebung.
Ein junger, bewegungsfreudiger Hund hat andere Bedürfnisse als ein älterer Hund. Ein selbstsicherer Hund erlebt einen Spaziergang anders als ein unsicherer. Und ein Hund, der gerade viele aufregende Dinge verarbeitet, braucht weniger Action und mehr Ruhe.
Ein Spaziergang soll aber in jedem Fall genau das sein: Zeit, die man bewusst gemeinsam draußen verbringt.
Haben Sie sich schon einmal überlegt oder vielleicht sogar bereits erlebt, wie unglaublich schön und erfüllend es ist, wenn man ganz im Hier und Jetzt ist, auf seinen Hund und seine Wünsche achtet und wenn man Schritt für Schritt durch aufrichtiges Interesse seine Welt immer ein bisschen näher kennenenlernen kann?
Fazit: Der Spaziergang gehört dem Hund
Hunde müssen ihr gesamtes Leben jenem ihrer Menschen unterordnen. Der Mensch entscheidet, wo man wohnt, wann und was gegessen wird, wann man mit dem Hund wohin fährt, wann man wo spazieren geht… Daher sollte zumindest der Spaziergang ganz dem Hund gehören!
Der Hund soll zeigen dürfen, wo er gehen will, er soll schnüffeln dürfen, wo und so lange er möchte, er soll seine Bedürfnisse möglichst ausleben dürfen und dabei seinen Menschen nicht nur physisch sondern auch mental und mit seiner ganzen Aufmerksamkeit, seinem Einfühlungsvermögen und Begeisterungsfähigkeit stets an seiner Seite wissen.

